Wo sind die Quarten und Septimen?

Nov

13

2010

13.11.2010 | Von Daniel Schroth | 1 Kommentar

Wo sind die Quarten und Septimen?

Bekanntlich höre ich Musik anders als andere. Eigentlich höre ich sie gar nicht wirklich. Ich analysiere sie ganz automatisch beim Hören, ohne dies zu wollen, weiß die Tonart und schätze das Tempo, höre Taktarten heraus und die verschiedenen Instrumente. Was uns hier in Nepal ab und an begegnet, ist aber nicht immer nach meinem Geschmack.

Natürlich gibt es hier in Nepal westliche Musik, wie wir sie kennen. Und es gibt auch nepalesische Musik, die dem westlichen Ohr gefällt. Hier geht es aber zunächst um die Musik, die in keine der beiden Kategorien passt und folgende Merkmale aufweist:

  • Sie kommt stets aus viel zu kleinen Lautsprechern.
  • Sie ist unangenehm verzerrt wegen der viel zu kleinen Lautsprecher.
  • Sie enthält bis auf den Gesang nur künstlich erzeugte Klänge.
  • Sie ist nur in 10-minütigen Single-Versionen erhältlich.
  • Sie besteht aus nur 2 verschiedenen Teilen.
  • Die Melodien bestehen nur aus 5 Tönen.
  • … und sie nervt auf Dauer!

Wieso gibt’s darüber einen eigenen Artikel? Ich muss das einfach mal loswerden!

Allzu oft werden wir zugedröhnt mit Musik, meistens aus Handys und Lautsprechern in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der typische Song hat einen Viertelbeat, aber keine durch 4 teilbare Anzahl von Takten für einen bestimmten Part, wie ich es gewohnt bin. Er will einfach nicht aufhören, immer und immer wieder werden die gleichen 2 Parts aneinandergereiht. Sicherlich unterschieden sich diese im Text und in der Aussage, aber die Sprache verstehe ich leider nicht. Endlos scheint es, bis endlich der erlösende Fade-Out kommt oder der Busfahrer emotionslos „Skip“ drückt. Das nächste Lied knüpft ohne Intro direkt an das vorherige an, kommt gleich zur Sache. Oder ist es dasselbe Lied nochmal?

Dass asiatische Musik mit 5 Tönen (diatonisch gesehen und pro Oktave versteht sich) auskommt, bin ich gewohnt. Ich höre viel asiatische Musik, meistens Instrumentalstücke. Diese haben auch nur 5 Töne in der Melodie. Und sie gefallen mir außerordentlich gut.

Aber hier in Nepal vermisse ich so langsam die Quarten. Und die Septimen. Vorhalte und Leittöne gibt es nicht, denn ohne Quarten und Septimen gibt es in der Pentatonik auch keine Halbtonschritte. Stattdessen nur 3 Ganzton- und 2 Anderthalbtonschritte pro Oktave. Wie soll man da Spannung aufbauen? Vielleicht geht es in der hier beschriebenen Musik auch gar nicht um „musikalische“ Spannung, weil der Text alleine schon so spannend ist. Aber selbst ohne die Sprache zu verstehen, hört sich jeder Vers und jeder Chorus gleich an. Ach nein, Vers und Chorus gibt’s in dieser Form ja gar nicht.

Besonders beliebt sind Duette, Mann und Frau. Seit Jahrhunderten bewährt, immer wieder gerne gehört, auch bei uns zu Hause. Aber hier ist das anders. Sowohl Männer- als auch Frauenstimmen werden gepitcht, nach oben, nur um ein paar Ganztöne. Gerade so, dass es sich noch nicht nach Micky Maus anhört, aber doch auf Dauer unerträglich wird. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr das meine Ohren manchmal quält.

Die Melodien von Mann und Frau mögen sich unterscheiden, aber auffallen kann einem das gar nicht. Durch die stets akkurat ge-autotuneten Stimmen (auch die typisch indisch-nepalesischen Koloraturen bleiben davon nicht verschont!) und die Pentatonik klingen sie einfach gleich!

Oft habe ich mich schon gefragt, warum es im Thomann-Katalog eine eigene Rubrik für orientalische Keyboards gibt. Um den Markt für türkisch-orientalische Musik zu bedienen, klar. Welcher westliche Musikproduzent braucht schon Unsummen türkischer Sounds, und welcher türkische Hit-Produzent braucht schon authentische Pianos?

Anscheinend gibt es hier in Nepal aber ganz eigene und typische Keyboards oder Klangerzeuger. Nach meinem subjektiven Bild beherrschen diese nicht allzu viele Sounds, gerade so viele, wie ein guter Hit benötigt: eine Flöte, Streicher, ein bisschen Pling-Pling, ein bisschen Zupf-Zupf und ein bisschen Rhythmus. Denn in jeden Song gehört nach dem Männer- oder Frauen-Part ein kurzes Solo.

Die Melodie dieser Solo-Parts ist natürlich immer pentatonisch, mit unzähligen, irgendwie nach Indien klingenden Verzierungen nach oben und unten, stets genau aufs Sechzehntel-Raster quantisiert. Absolut tot, kein Hauch von Leben oder Gefühl. Gibt es in Nepal keine echten Instrumentalisten? Bestimmt gibt es die. Aber ein ungeschriebenes Gesetz besagt wohl, dass jeder Sound eines nepalesischen Klangerzeugers mindestens ein Mal einen Solo-Part im Song haben muss, sonst darf der Song nicht gespielt werden.

Eine ganz andere Geschichte ist zum Glück etwas erfreulicher. Seit wir in Nepal angekommen sind, schallt uns aus jedem der unzählbaren CD-Shops ein ganz bestimmter Song entgegen.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich bereits 2005 auf Bali, wo ein findiger Produzent mit einem verwestlichten, kleinen javanesischen Gamelan-Orchester eine CD voll mit Songs produziert hat, die alle gleich klingen. Sie sind schön, sonst hätte ich die CD damals nicht gekauft. Aber sie klingen eben alle gleich. Kennt man einen, kennt man alle. Manche reden hier auch von „jemand hat seinen Stil gefunden“ und „Wiedererkennungswert“, ein gutes Argument.

Hier in Nepal ist es natürlich kein Gamelan-Orchester, denn das gibt es nur in Indonesien. Hier wird man 24/7 beschallt mit „Om Mani Padme Hum“, einem Titel der CD „Tibetan Incantations“. Diese CD ist keineswegs brandaktuell, denn die ersten Rezensionen bei Amazon sind aus dem Jahr 2002. Trotzdem ist sie in Nepal entweder jetzt erst angekommen oder sie erlebt gerade eine Renaissance. Wie auch immer, es schallt von überall her: „Om Mani Padme Hum“ aus allen Rohren! Nachladen, Feuer! „Om Mani Padme Hum“!

Was hat es damit auf sich? Om Mani Padme Hum ist laut Wikipedia „ein Mantra in Sanskrit, das dem buddhistischen Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara zugeordnet wird“. Aha. Genau genommen vertont diese CD dieses Mantra. Ein Mantra vertonen? Verstehen können wir es nicht ohne ein Studium des tibetischen Buddhismus, das wissen wir spätestens seit unseren vielen Tempelbesuchen in Tibet. Wenigstens hat es dort nach Wacholder-Räucherstäbchen und Butterkerzen gerochen.

Auf besagter CD singt ein Chor unisono in verschiedenen Oktaven eben dieses Mantra, natürlich rein pentatonisch. Sicherlich benutzt kein tibetischer Mönch diese Melodie, denn sie klingt viel zu schön. Viel mehr Text als „Om Mani Padme Hum“ hat der Song nicht. Wenn das Mantra ein paar Mal gesungen wurde – die Melodie ist immer gleich und wiederholt sich ständig – kommt ein kurzer Instrumentalpart, mal mit einer Flöte, mal mit meinem Lieblingsinstrument, der chinesischen Erhu. Wie die Erhu den weiten Weg von China nach Nepal geschafft hat, wird ein Rätsel bleiben.

Darunter ein seichter Beat mit exotischen Schlaginstrumenten und ein paar gewöhnliche, aber schöne und gut auf die Melodie abgestimmte Harmonien. Die Instrumente klingen täuschend echt, doch bin ich mir sicher, dass sie künstlich erzeugt sind.

Marsi suchte in Kathmandu gerade Postkarten aus, als ich gegenüber im CD-Laden diesen Song zum allerersten Mal hörte. Ich ging sofort rüber und fragte den Verkäufer nach dem Titel. Ich hatte Angst, dass der Song gleich vorbei sein könnte, der Verkäufer eine andere CD einlegt und sich danach schon nicht mehr daran erinnern kann, was er vorher aufgelegt hatte. Lächelnd griff der Verkäufer hinter sich zu einem riesigen Stapel verschweißter CDs, alle mit „Om Mani Padme Hum“. Schon fühlte ich mich nicht mehr so, als hätte ich ein fantastisches neues Stück Musik entdeckt, das eben gerade rein zufällig in diesem Laden lief und das sonst noch keiner kennt. Die 150 NPR (1,50 Euro) für die CD gab ich gerne aus. Auch wenn ich danach nochmal 50 NPR (0,50 Euro) bezahlen musste für jemanden, der mir den Song ins MP3-Format unwandelte, sodass wir auf der Reise auch noch etwas davon hatten.

Allein an diesem Tag hörte ich den Song aber bestimmt noch aus 10 anderen CD-Shops: „Om Mani Padme Hum, Om Mani Padme Hum …“. Und seit wir in Pokhara sind, 8 Busstunden von Kathmandu entfernt, geht das Spiel weiter. Der Titel begleitet uns. Und er gefällt uns gut.

Das Witzige an dieser CD ist, dass sie nur 3 Titel enthält. Jeder ist über 20 Minuten lang. Gespielt wird in den Shops immer nur der erste, zweifelsfrei auch der schönste der CD. Der zweite Titel klingt ähnlich, ist aber etwas anders aufgebaut. Und besonders mögen wir den dritten Titel: 25 Minuten lang hören wir „Om Mani Padme Hum“, die komplette Melodie, die vielleicht 10 Sekunden dauert. Begleitet nur von einer einsamen Glocke, die ab und an bimmelt. Keine Instrumente, immer nur „Om Mani Padme Hum“.

Gestern Abend im Bett haben wir den dritten Titel zum ersten Mal gehört. Nachdem das Mantra zwei Mal gesungen wurde, betätigte ich den Vorspul-Knopf und landete bei Minute 3. „Om Mani Padme Hum, Om Mani Padme Hum …“. Weiter zu Minute 12. Ihr wisst, was kommt. Das gleiche bei Minute 15, 19 und 22. Der Teil wurde kopiert, so oft, dass daraus 25 Minuten geworden sind. Ohne Abwechslung, ohne Pause. Vielleicht tun wir dem dritten Stück Unrecht, vielleicht enthält es versteckte Details, die man mit dem Vorspul-Knopf einfach nicht hören kann. Wir werden es beizeiten ganz anhören, die kompletten 25 Minuten. Und darüber berichten, falls wir etwas Neues entdecken.

Wir haben euch neugierig gemacht? Einen kurzen Schnipsel dieses Songs findet ihr bestimmt bei Youtube oder ihr könnt es bei Amazon kaufen.

Um es vorwegzunehmen: Nein, ich habe kein „Gasa“ (Nepali für Gras) geraucht, das auf den sonnigen Südhängen Nepals wild wächst und das wir jeden Tag auf der Straße zum Kauf angeboten bekommen. Aber es musste einfach mal gesagt werden!

Comments (1)

  1. Jaaaa, die Musik ist auf Dauer nervig. Daran erkennt man aber schon auf Entfernung die Touristenecken, weil da entweder „Om mani…“ läuft oder das andere, das wir mangels eines besseren (sprich: lesbaren) Titels „Tirili“ genannt haben.

    Wir hatten bei unserem Langtang-Helambu-Trek übrigens einen Hüttenabend mit deutsch-nepalesischen Liedern zusammen mit unseren Führern und Trägern, was sehr, sehr schön war. Aber auch da „liefen“ ähnliche Lieder in Dauerform und man fragt sich, ob das alles irgendwann ein Ende nimmt.

    Wir haben u.a. mit dem Kanon „Bruder Jakob“ dagegen gehalten… 🙂

Wir freuen uns über Deinen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind gekennzeichnet mit *.

Wo sind die Quarten und Septimen?

von Daniel Schroth Lesedauer: 7 min
1