Indien: Review

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2010

27.12.2010 | Von Daniel Schroth | 1 Kommentar

Indien: Review

Incredible India, überall sieht man diesen Slogan, sogar zu Hause in Deutschland. Auf Printwerbung, im Fernsehen und auf vielen Schildern in Indien selbst. Nach fast 4 Wochen in Indien ist es Zeit für eine kleine Sammlung von Fakten und Eindrücken, für die in den anderen Artikeln kein Platz war. Wir haben von diesem riesigen Land natürlich nur einen sehr kleinen Teil gesehen und auch viel zu wenig Zeit mitgebracht, das wissen wir.

Unser Rückblick

Neben allen Erlebnissen sind es vor allem die vielen ungewohnten Eindrücke, die wir nicht mehr vergessen werden. Von diesen gibt es viel zu viele, vor allem zu viele, die für uns völlig neu sind. Auch wenn viele Indien-Freaks zum folgenden Abschnitt sagen werden: „Ist doch klar, das hättet ihr wissen müssen“, gehen wir davon aus, dass die meisten Leser ähnlich wenig über Indien wissen wie wir wussten, bevor wir in dieses Land gekommen sind. Ein paar ganz persönlich gefärbte Fakten gibt es deswegen hier, um euch einen besseren Eindruck zu vermitteln, wie wir Indien erlebt haben:

  • Kobras sind uns in Varanasi und auch in Delhi nicht begegnet, keine Körbe mit bissigem Inhalt, keine Flöten und keine Fakire. In der nördlichen Provinz Rajasthan mit den bunten Städten haben wir endlich ein paar gesehen! Für ein paar Rupien hätte ich mich gerne mit der Flöte hinter die Kobras gesetzt und sie aus ihrem Körbchen gelockt. Doch kann man der Information wirklich vertrauen, dass den Kobras die Giftzähne entfernt wurden und von ihnen keinerlei Gefahr ausgeht?
  • Es stinkt auf den Straßen. Es stinkt gewaltig. Nicht überall, aber für unsere Erwartung doch viel zu oft und viel zu viel. Man kann sich kaum vorstellen, wie es ist, wenn es auf offener Straße schlimmer stinkt als auf einer Toilette, die seit Wochen nicht saubergemacht wurde.
  • Auch wenn wir bisher nicht Augenzeuge der „öffentlichen Verrichtung“ geworden sind, sind viele Stellen auf Indiens Straßen öffentliche Toiletten, zweifellos. Nicht nur für Hunde, Ziegen, Schweine und Kühe, sondern eben auch für Menschen.
  • Kühe gibt es natürlich, tausendfach und überall. Es scheint, als ob sie ein schönes Leben hier hätten. Als heilige Tiere dürfen sie ungeniert im Müll nach Futter suchen und überall ihr Geschäft verrichten. Auf der Straße weicht man den Kühen stets aus, denn sie stehen eigentlich immer im Weg.
  • Am Morgen sind die Ghats in Varanasi erstaunlich sauber. Wir haben herausgefunden, dass alles, was tagsüber so liegenbleibt, über Nacht mit Schläuchen einfach die Treppen hinunter in den Ganges gespült wird.
  • Müll ist ein riesiges Problem in Indien. Überall liegt er herum und stinkt vor sich hin. Auch wenn es wohl eine Müllentsorgung gibt, benutzt man hier aber keine Mülltonnen wie zu Hause, sondern einfach die Straße. Täglich außer sonntags kommt zum Beispiel in Delhi das Müllauto vorbei und fegt den Müll zusammen.
  • Vom modernen, inzwischen aufgeweichten Kastensystem in Indien bekommt man als Tourist auf den ersten Blick nichts mit, wenn man sich auf den ausgetretenen Pfaden bewegt. Wenn man mit Indern aber abends in den kalten Nächten Rajasthans am Lagerfeuer sitzt, erschließen sich einem erstaunliche Details.
  • Der Verkehr ist abartig. Es gibt bestimmt eine Stunde in der Nacht, in der es nicht lebensgefährlich ist, eine Straße zu überqueren. Zu allen anderen Zeiten wird man angehupt, fast überfahren von Rikschas mit und ohne Motor, Autos, Transportern, Traktoren und Bussen und fragt sich, ob es hier überhaupt Regeln gibt. Auch wenn viele jetzt denken mögen, dass es bestimmt faszinierend sein muss, eine Kreuzung in Varanasi zur Rushhour mal eine halbe Stunde lang aus sicherer Entfernung zu beobachten: Der Lärmpegel ist dermaßen hoch, dass wir zumindest schon nach wenigen Minuten die Ohren voll haben.
  • Mit dem Internet ist es hier irgendwie anders als sonst. WiFi ist unüblich, man muss wirklich danach suchen. Internet-Cafés gibt es zwar, aber bei Weitem nicht so oft wie beispielsweise in Nepal.
  • Überhaupt ist der Unterschied zu Indiens Nachbarland Nepal deutlich spürbar: Nepal grenzt sich nicht nur durch eine unsinnige Viertelstunde Zeitunterschied von Indien ab, sondern ist auch deutlich ärmer und in der Entwicklung sicherlich noch Jahrzehnte hinterher. Trotzdem erscheint uns das Reisen als gewöhnlicher Tourist durch die Großstädte Nepals deutlich angenehmer. In den Großstädten Indiens findet man kaum auf Touristen eingestellte Souvenir-Shops und Kleidergeschäfte, keine Supermärkte, kaum Postkarten, keine Geschäfte für das, was das Traveller-Herz sonst höher schlagen lässt. Dies gilt natürlich nur für die Teile der Städte, in denen wir uns aufgehalten haben. Auf der anderen Seite hat das natürlich durchaus seinen Reiz.
  • Kulinarisch hat Indien Weltklasse zu bieten, keine Frage. Ein Paradies vor allem für Vegetarier. Getrost kann man auch unbekannte Speisen einfach bestellen, um sie zu probieren. Fleisch finden wir selten, so dass wir inzwischen zu Fast-Vegetariern geworden sind und Fleisch auch nicht vermissen. Allzu viel Unterstützung darf man sich von den Angestellten in Restaurants bei der Bestellung nicht immer erhoffen, wir haben viele witzige Beschreibungen von Speisen erlebt, die mit dem, was wir dann bekommen haben, nicht viel zu tun hatten. Viele Speisen sind gut gewürzt (für Marsi: sauscharf), vor allem der Koriander-, Zimt- und Nelkengeschmack (für Marsi: Bäh!) gefällt zumindest mir sehr gut.
  • Hunde, überall Hunde! Als bezahlter Hundefänger könnte man ein Vermögen in Indien machen. Trotz Tollwutimpfung machen wir sicherheitshalber lieber einen großen Bogen um alle Vierbeiner. Besonders gerne rotten sie sich nachts zusammen und veranstalten minutenlange Heulkonzerte, die uns in vielen Nächten den Schlaf geraubt haben.
  • Neben ein paar exotischen Vögeln gibt es in Indiens Städten vor allem Tauben. Auch zu Hause sind diese Vögel nicht unsere Freunde, hier findet man sie tausendfach, ihre Ausscheidungen millionenfach überall.
  • Das Leben auf Indiens Straßen ist in Männerhand, ganz eindeutig. Weder als Verkäufer noch im Service in Unterkünften und Restaurants findet man Frauen. Dies hat natürlich traditionelle Gründe, doch ist es für uns sehr ungewöhnlich und teils auch störend, da Marsi in vielen Gesprächen oder Verhandlungen einfach übergangen wird und nur ich „zähle“.
  • Wir haben gelernt, die zahlreichen Versprechen und Zusagen kritisch zu sehen, wenn es um Buchungen, Hotels und alles andere geht, was man mit Geld kaufen kann. Täglich werden wir veräppelt, oft haben wir zu viel bezahlt. Das passiert uns ab jetzt fürs restliche Leben sicherlich nicht mehr so oft.
  • Das Einkaufen in Indien ist gar nicht so einfach, da man die Artikel des täglichen Bedarfs meist nur in kleinen Straßenläden findet. Einen großen Vorteil bietet Indien hier aber: Vom Hersteller muss auf allen Produkten ein „Maximum Retail Price“ aufgedruckt werden, an den sich die Geschäfte in aller Regel auch halten. Auf jeder Wasserflasche und jeder Kekstüte findet man eine Preisangabe. So wird man wenigstens beim Einkaufen nicht übers Ohr gehauen.
  • Ein wirklich lesenswertes Buch über Indien ist der weiße Tiger.

Über die Unterkünfte in Indien sollten wir noch ein paar Worte verlieren. Wir bewegen uns nicht an der untersten Grenze eines Budget-Travellers, denn zumindest sauber soll es schon immer sein. Typischerweise geben wir für ein Zimmer pro Nacht zwischen 500 und 600 INR (ca. 8-10 Euro) aus. Wir stellen fest, dass sich ein Vergleich zwischen mehreren Unterkünften immer lohnt, auch wenn dies manchmal Zeit kostet. Die Unterschiede sind enorm. Auch verhandeln lohnt sich immer, auf unserer Rajasthan-Tour haben wir manchmal mehr als die Hälfte gespart. Das Ritual der Zimmerbesichtigung ist inzwischen eingespielt, wir achten auf alles, was in bisherigen Unterkünften nicht so toll war: Fenster ohne Scheiben, ranzige Bäder, Schimmel an den Wänden, Duschen ohne Warmwasser und steinharte Matratzen gehören leider zur Tagesordnung. Wir stellen fest, dass in den allermeisten Unterkünften unserer Preisklasse das Bettzeug nicht gewechselt wird, wenn Gäste auschecken und neue Gäste kommen. Flecken und Haare auf dem Bettlaken werden auch durch Zurechtziehen nicht weniger. Überhaupt ist es verwunderlich, wie schnell aus einem kürzlich eröffneten Hotel in wenigen Monaten eine schäbige Unterkunft werden kann, weil man sich einfach nicht richtig darum kümmert oder kümmern will.

Inzwischen wissen wir auch, dass ein touristenfreundliches, wunderschönes, buntes und exotisches Indien wie aus dem Bildband durchaus möglich ist, wenn man eines mitbringt: Geld. Mit Geld kann man beispielsweise in Heritage Hotels (ehemalige Paläste, die zu Hotels umgebaut wurden) wohnen, die dem gewohnten Standard entsprechen und die einem den nötigen Schlaf nach den anstrengenden Tagen ermöglichen. Man kann sich Fahrer, Dienstleistungen und auch sonst alles kaufen, das einem das Leben oder den Urlaub angenehm macht.

Gefällt uns denn Indien oder nicht?

Eine gute Frage.

In diesem Artikel haben wir fast nur Dinge beschrieben, die uns negativ aufgefallen sind. Fakt ist: Indien ist anders. Anders als alles, was wir bereits gesehen haben oder auf unserer Reise noch sehen werden. Einen gemütlichen Urlaub in Indien verbringen? Das geht bestimmt, vielleicht im chilligen Rishikesh im Norden oder in einem teuren Heritage-Resort im staubigen aber wunderschönen Rajasthan, am besten im Rahmen einer Pauschalreise mit Stadtrundfahrt, Vollverpflegung und deutschsprachigem Reiseführer. Wir können und wollen uns dies aber nicht leisten, entdecken Indien lieber auf eigene Faust und kommen daher mit vielen Dingen in Berührung, die uns nicht gefallen oder die einfach nicht rund laufen.

Für Marsi steht fest: Der englische Name für Indien ist eine Abkürzung. I.N.D.I.A. steht für „I’ll Never Do It Again“. Bereits am ersten Tag hatte sie genug, hat trotzdem tapfer weiter durchgehalten und Indien viele Chancen gegeben. Sie wurde aber einfach nicht warm damit. Sie hat einen eigenen Artikel über Indien verfasst, den ich nicht modifizieren darf, lasst euch überraschen.

Ich bin da etwas gelassener, sehe über vieles hinweg und versuche auch, das Schöne und Interessante zwischen all dem Dreck zu sehen, was wahrlich nicht immer leichtfällt. Trotzdem stehen die Chancen auch bei mir nicht gut, dass Indien in die Top-Ten der Lieblings-Reiseziele Einzug halten wird.

Wir empfehlen jedem, den unsere Berichte nicht abgeschreckt haben, unbedingt einen Besuch in diesem besonderen Land. Wenn man mit dem Schlimmsten rechnet und dann noch ein bisschen schlimmer, kann es eigentlich nur gut werden. Ein dickes Fell wird man allerdings brauchen, wenn man nicht pauschal reist, vor allem als alleinreisende Frau. Wer’s richtig schön haben will, kann sich dies mit Barem erkaufen.

Aber wer will’s schon richtig schön? Wir suchen ja das Abenteuer, auch wenn dies mal mit schlechten Zeiten verbunden ist. Dafür sind wir ja schließlich unterwegs!

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Comments (1)

  1. Sawasdee Kap, klasse und sehr interessante Berichte. Was
    man sich hier kaum vorstellen kann ist die Diskrepanz zwischen dem
    was ihr beschreibt und den farbenfrohen, leisen und Geruchslosen
    Bildern die ihr hier einstellt. Ich denke mal Indien wäre auch nix
    für mich (ich komm ja ohnehin immer bloss bis Thailand 🙂 ). Dafür
    seid ihr ja jetzt in vertrauteren Gefilden. Auch wenn Vietnam schon
    nochmal was anderes als Thailand ist. Viel Spaß, ich freu mich
    schon auf die weiteren Berichte. So und jetzt muss ich erstmal noch
    meinen Thailand Flug für Januar canceln. Schwanger und mit
    Kleinkind macht das dann doch vielleicht grade nicht so viel Sinn
    :(. Naja, vielleicht März 2012 dann wieder. Die Südostasiatische
    Wärme könnte ich jetzt hier gut brauchen. Es ist alles weiss und
    Eiskalt. 🙂 Viel Spass euch noch und einen guten Rutsch. Viele
    Grüße, Volker

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Indien: Review

von Daniel Schroth Lesedauer: 8 min
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