Marsi angelt unser Mittagessen

Feb

6

2015

06.02.2015 | Von Daniel Schroth | 4 Kommentare

Marsi angelt unser Mittagessen

Nach unserem Ausflug in den Abel-Tasman-Nationalpark fahren wir weiter nach Norden. Wir treiben Lui, unseren Campervan, die Serpentinenstraße hinauf zum Takaka Hill und werden von dichtem Nebel überrascht. Die schöne Aussicht auf das Tal hinter dem Pass müssen wir uns also einreden, immerhin wissen wir noch vom letzten Mal, wie es hier ungefähr aussieht.

Ein paar Kilometer vor der kleinen Stadt Takaka biegen wir ab und stellen uns auf den großen Parkplatz von Anatoki Salmon, nur wenige Meter weiter fließt der Anatoki River. Hier kann man kostenlos übernachten, wenn man self-contained unterwegs ist. Dari und mir geht es an diesem Nachmittag nicht besonders gut, wir kämpfen beide mit Fieber gegen eine Erkältung an und verbringen den restlichen Tag im Camper.

Eine Nacht, ein Frühstück und ein paar Aspirin (für mich zumindest) später sieht es schon viel besser aus, wir werden am Morgen von allerlei Tieren geweckt: Lamas, Ziegen, zottelige und weniger zottelige Kühe werden am Parkplatz vorbeigetrieben. Ganz in der Nähe ist eine Farm, wo man diese und noch viel mehr Tiere aus der Nähe bestaunen kann. Wir sind aber aus einem anderen Grund hier: Marsi will uns heute ein Mittagessen angeln.

Um 9:30 Uhr gehen wir die Stufen zur Lachsfarm hinunter und betreten das gemütliche Open-Air-Café. Das Prinzip der Farm ist einfach: Man leiht sich eine Angel, sucht sich eine Stelle am See, fängt einen Lachs, lässt ihn räuchern und nimmt ihn mit oder isst ihn gleich vor Ort auf. Bezahlt wird nur, was gefangen wird. Klingt einfach, oder?

Schon oft hat mir Marsi erzählt, wie sie früher in Bosnien (wo sie aufgewachsen ist) jeden Sommer im See hinter dem Haus ihrer Großeltern geangelt hat. Auch Fische säubern und ausnehmen liegt ihr, betont sie stets. Ein Graus für mich. Der Genuss beim Fischessen fängt bei mir erst nach dem Grillen oder Braten an, mit allem vorher möchte ich am liebsten gar nichts zu tun haben.

Marsi geht in die kleine Hütte und leiht sich eine Angelrute aus, eine ganz normale Rute mit Angelrolle. Dazu bekommt sie ein Netz, um den Fisch aus dem Wasser zu heben und eine große weiße Plastikbox, an der ein 10 cm langer Dorn hängt, mit dem der Fisch erlegt werden muss. Meine Erkältung ist fast vergessen, jetzt wird mir gleich noch schlecht dazu, als ich die Anleitung lese, die auf der Box angebracht ist: Wenn ein Fisch am Haken ist, darf er unter Androhung einer Geldstrafe keinesfalls wieder zurück in den See geworfen werden. Zu große oder zu kleine Lachse kann man im See ohnehin nicht angeln, weil nur die Fische aus den Zuchtbecken hierher versetzt werden, die auch geangelt werden sollen. Der gefangene Fisch wird mit dem Dorn von oben hinter den Augen von seinen Qualen erlöst und in der mit Wasser aus dem See gefüllten Box zum Räuchern gebracht.

Marsi sucht sich mit Angel, Netz, Box und Mordwerkzeug ein schönes Plätzchen am See. Außer uns versucht nur noch eine andere Kiwi-Familie (hier: die Einwohner Neuseelands) ihr Glück. Marsi macht sich mit ihrer Angelrute vertraut und schon ist Haken samt Köder mit einem eleganten Wurf im Wasser gelandet. Die Rolle hat schon bessere Tage gehabt, das bemerkt sie gleich, sie funktioniert aber noch gut genug. Allzu viel Geduld will ich Marsi mit ihrem südländischen Temperament wirklich nicht zuschreiben, und ausgerechnet sie will das Risiko eingehen, für Minuten oder gar Stunden Lachse zu angeln und vielleicht am Ende sogar erfolglos die Farm zu verlassen?

Minuten vergehen, viele Minuten. Dari hat glücklicherweise ein großes altes Plastikauto am Ufer entdeckt und vertreibt sich die Zeit. Noch mehr Minuten später stelle ich fest: So geht das nicht weiter, sonst können wir Dari gleich schon mal für den Führerschein in Neuseeland anmelden. Jetzt muss jemand mit echter Angelerfahrung her. Der See hinterm Haus in Bosnien, das reicht nicht. Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: 1985 muss es gewesen sein, als ich mit meinem Großvater an einem Fluss in Bayern einmal beinahe einen Fisch am Haken gehabt hätte. Und im Jahr darauf die unzähligen Rotaugen, die ich mit Onkel Rudi im Goldkanal gefangen habe! Ich übernehme die Angel und obwohl ich mich erwartungsgemäß viel geschickter anstelle als Marsi, passiert auch bei mir … nichts. So geschickt war ich dann wohl doch nicht, ich schiebe es elegant auf meine Erkältung und den völlig ungeeigneten Köder.

Während Marsi wieder übernimmt, gehe ich zurück zum Café und kaufe für 2 NZD (1,30 Euro) einen Beutel mit Fischfutter-Pellets. Wenn ich davon eine Handvoll in die Nähe des Angelhakens werfe, werden bestimmt Tausende Lachse auf diesen zuschwimmen und einer davon wird schon in den Köder am Haken beißen, rede ich mir ein. Gerade als ich mit meinen Pellets wieder zurückgehe, sehe ich Marsi mit der Rute fuchteln und hektisch an der Rolle drehen. Offenbar hat den Lachsen der reine Gedanke an das bevorstehende Pellets-Mahl genügt und einer hat schon ganz freiwillig in den Haken gebissen.

Tatsächlich, es hat einer angebissen! Und was für einer! Leider ist die Angelrolle doch recht altersschwach und Marsi kann gar nicht so schnell drehen, wie die Schnur wieder von alleine von der Rolle rollt und dem Fisch wieder zu viel Leine lässt. Nach ein paar spannenden Minuten ist das Biest ganz nah am Ufer und wir können ihn erstmals aus der Nähe sehen. Er ist doch nicht ganz so groß wie ein Walhai, wie wir anfangs angenommen hatten, aber für eine saftige Mahlzeit wird es auf jeden Fall reichen. Auch Dari ist jetzt neugierig geworden und schaut Mama und Papa zu, wie sie fachmännisch den Lachs im Netz an Land bringen.

Da liegt er vor uns, ein anständig großer Lachs, eigentlich ganz schön anzusehen. Marsi holt ein bisschen Wasser für die weiße Plastikkiste, als mir das Mordwerkzeug wieder in den Sinn kommt. Mit dem 10 cm langen Dorn müssen wir den Fisch jetzt erlösen, von oben, hinter den Augen. Mir wird schon wieder ganz anders, denn das hat der arme Fisch nicht verdient. Schon damals am Goldkanal musste bei jedem geangelten Rotauge Onkel Rudi her, um den Haken aus dem Maul zu entfernen. Vielleicht hat Marsi doch den einen oder anderen Tag mehr Erfahrung, denn sie weiß genau, was mit dem Dorn zu tun ist. Ich drehe mich um und behalte den Fisch einfach so in Erinnerung, wie er lebendig ausgesehen hat.

Voller Stolz packt Marsi ihr Equipment und den großen Fisch, ich kümmere mich um Dari und das Spielzeugauto. Wir geben ihn zum Heißräuchern ab und trinken einen Kaffee. Für die beiden Hälften haben wir uns unterschiedliche Gewürze ausgesucht. Es dauert gerade einmal 20 Minuten, bis das perfekte Ergebnis in einem Pizzakarton vor uns liegt, mit Besteck und Zitrone. Frischer kann ein Fisch gar nicht sein, Dorn und Lachsmord sind längst vergessen, wir müssen natürlich sofort probieren. Nicht zu fettig, nicht zu fischig, eine gute Balance aus Rauch, Gewürzen und einfach nur Lachsgeschmack. Knapp 30 Euro kostet uns der Lachs in seiner verzehrfertigen Form, aber auch der erlebnisreiche Morgen ist inklusive. Das können wir uns zwar nicht jeden Tag leisten, aber heute schmeckt es uns so gut, dass wir fürs Abendessen kaum noch etwas übriglassen, den Rest essen wir gleich vor Ort. Besser geht es nicht!

Wir haben unsere Angelstory natürlich dokumentiert, auch ein Foto der stolzen Anglerin mit ihrer Beute darf nicht fehlen. Viel Spaß mit unseren Fotos:

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Comments (4)

    1. Nun ja, höchstens gegen mich selbst. Hoffe es liest sich trotzdem gewohnt angenehm und fällt nicht zu sehr aus der Reihe!

      Daniel

  1. Sehr schön! Da hätte ich am liebsten mitgeangelt! Als Anglertochter habe ich da auch gar keine Probleme mit. Und es geht ja nichts über einen fangfrischen Fisch. In diesem Sinne: Petri Heil!

    Lieber Gruss,
    Ellen

    1. Da sprichst du wahre Worte – das war tatsächlich einer der leckersten Fische, die wir jemals gegessen haben. Nom na (wie Darian sagen würde).

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Marsi angelt unser Mittagessen

von Daniel Schroth Lesedauer: 6 min
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