Der Süden der Südinsel

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2015

23.02.2015 | Von Daniel Schroth | 2 Kommentare

Der Süden der Südinsel

Als wir diesen Artikel im Februar veröffentlichen, sind wir mit unseren Berichten immer noch ein paar Wochen hintendran. Wir erleben so viel, dass wir mit dem Schreiben und dem Bearbeiten der Fotos kaum hinterherkommen. Unsere Lieblingsstadt Wanaka besuchen wir Mitte Dezember 2014, verbringen ein paar Tage bei bestem Wetter am See und müssen uns langsam überlegen, wo wir Weihnachten und Silvester verbringen wollen. Weil es uns in Wanaka so gut gefällt, wollen wir auch über die Weihnachtstage wieder hier sein. Silvester und Neujahr wollen wir bei Neuseelands höchstem Berg, dem Aoraki, verbringen, beschließen wir.

Wir haben noch eine gute Woche Zeit bis Weihnachten. Auch wenn wir bisher trotz Hauptsaison und neuseeländischer Sommerferien keinerlei Probleme hatten, auch kurzfristig Unterkünfte zu finden, reservieren wir sicherheitshalber eine Powered Site auf dem Top10 Holiday Park ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Am Heiligen Mittag (24.12.) wollen wir wieder hier sein, bis dahin haben wir genug Zeit, um ganz nach Süden zu fahren und wieder zurück.

Der Morgen, an dem wir Wanaka zunächst verlassen wollen, beginnt früh. Dari ist wach und hat Hunger. Es ist 4:30 Uhr. Wir nähern uns langsam der Sommersonnenwende, sodass es um diese Zeit so weit südlich schon langsam hell wird. An Weiterschlafen ist nicht mehr zu denken, wir frühstücken zeitig und besuchen den öffentlichen Dump Point in Wanaka, um unser Grey Water loszuwerden und den Frischwassertank aufzufüllen. Der State Highway 6 ist der bequeme Weg nach Queenstown, doch kürzer und landschaftlich reizvoller ist die Abkürzung durchs Cardrona Valley.

Wir sind genau zur richtigen Zeit in Neuseeland, als wir die höchste geteerte Straße Neuseelands zum 1.076 m hohen Crown Range Pass fahren: In allen Richtungen sehen wir weiße und violette Lupinen, es müssen Tausende sein, die gerade an den Berghängen blühen. Auf dem Pass gibt es einen windigen Parkplatz mit toller Aussicht auf das endlose Tal, das vor uns liegt. Viele Serpentinen später erreichen wir Queenstown, Neuseelands Adrenalin-Hauptstadt. Durch die Abkürzung sind wir heute nur 67 km gefahren, als wir Lui (unseren Camper) einen guten Kilometer außerhalb der Stadt abstellen.

Queenstown liegt äußerst idyllisch am Lake Wakatipu, hat ein angenehm mildes Klima und ist bei Touristen vor allem als Stadt der Abenteuer bekannt. Obwohl sie gerade einmal etwas mehr als 10.000 Einwohner hat, kommt sie uns vor wie eine Millionenstadt. Hier ist jeder beschäftigt, an jeder Ecke wird man daran erinnert, was man hier für seinen Adrenalinspiegel tun kann. Die nächste Attraktion ist bestimmt nicht weit.

Wer nicht Ski, Jetboot oder Fahrrad fährt, sich nicht an Fallschirm oder Gummiseil aus luftiger Höhe stürzt oder in möglichst hoher Geschwindigkeit übers Wasser flitzt, ist out, könnte man meinen. Queenstown ist eine In-Stadt und auch eine ing-Stadt, weil man fast alles machen kann, was auf -ing endet: Skiing, Mountainbiking, Paragliding, Riversurfing, Kayaking, Rafting, Canyoning, White Water Sledging und viele andere ing-Sportarten und ing-Abenteuer. Auch mit Adjektiven wird nicht gegeizt: Exciting, thrilling, stunning. Es ist nicht so, dass wir nichts für Abenteuer übrig und nicht auch mal Lust auf einen Bungeesprung hätten. Meistens entscheidet aber die Vernunft und nicht zuletzt der Geldbeutel, dass wir uns eher für die normalen ing-Aktivitäten entscheiden: Eating, relaxing, shopping.

Jetzt ist Eating an der Reihe, denn schon im Jahr 2011 waren wir in Queenstown bei Fergburger. Das kleine unscheinbare Restaurant in der Innenstadt hat aufgerüstet, jetzt gibt es nebenan Fergbaker und auch ein kleines Café unter derselben Flagge. Obwohl es Fergburger nur in Queenstown und nur an dieser einen Stelle gibt, ist das Restaurant weithin bekannt und nicht zu übersehen. Nicht, dass es in einem besonders auffälligen Gebäude wäre oder die hungrigen Gäste mit viel Werbung anlocken würde. Nein, Fergburger erkennt man schon von weitem an der langen Schlange, die sich zu jeder Tageszeit bis weit auf die Straße hinaus bildet. Auch dieses Mal bekommen wir für einen angemessenen Preis zwei fantastische Burger, von denen auch Dari gerne probiert und uns einen ordentlichen Batzen wegisst. Seinem Alter entsprechend – er ist ja inzwischen schon anderthalb – bekommt er nicht mehr wie ein Baby ein Stück Gurke oder einen Happen vom Brötchen, sondern darf wie ein echter Kerl in den Burger beißen, den wir für ihn zusammendrücken.

In Queenstown selbst gibt es keine Möglichkeit, kostenlos mit einem Campervan zu übernachten. Die Nacht verbringen wir deshalb außerhalb der Stadt, wir fahren 10 km am Lake Wakatipu entlang bis zum Twelve Mile Delta Campground und müssen von unserem Stellplatz nur eine Minute laufen, bis Dari ein Bad im eiskalten Wasser nehmen kann.

Beim Abendessen bekämpfen wir die Millionen Sandfliegen noch mit Mückenschutzmittel, morgens aber verzichten wir auf das Frühstück im Freien und lassen lieber die anderen Touristen von diesen lästigen Monstern auffressen. Wir nutzen das gute Wetter aus und verbringen einen Shopping- und Eating-Tag in der Abenteuerstadt, bevor wir am Nachmittag an riesigen Schaffarmen vorbei weiter bis nach Te Anau fahren. Der kleine Top10-Campingplatz in der Stadt ist seit Kurzem “5 star rated” und verlangt jetzt auch 5-Star-Preise: Eine Powered Site kostet 54 NZD (35 Euro), das ist ein stolzer Preis für eine Dusche und einen Stromanschluss und die teuerste Nacht während unserer gesamten Zeit in Neuseeland. Die ganzen anderen 5-Star-Facilities sind entweder noch gar nicht fertiggestellt oder für uns uninteressant.

Am nächsten Tag machen wir einen Stadtbummel durch das gemütliche Te Anau, die Mini-Stadt liegt am gleichnamigen See und ist das Tor zu den berühmten Fjorden Milford Sound und Doubtful Sound. Wir haben bereits 2011 einen Ausflug zum Milford Sound gemacht und lassen es dieses Mal zum Wohle unserer Reisekasse ausfallen. Stattdessen erleben wir eine spannende Viertelstunde mit Darian beim Friseur von Te Anau. Danach ist es beschlossen: Auch wenn er seine blonden Haare in ein paar Jahren wie die Schleppe eines Brautkleids hinter sich herziehen wird, werden sie nicht mehr geschnitten. Diesen Stress geben wir uns nicht noch einmal. Wir helfen der Friseurin mit einem üppigen Trinkgeld über ihren restlichen Arbeitstag hinweg, belohnen uns und Dari mit einem Mittagessen und fahren noch gut 120 km bis an die Südküste der Südinsel.

In der Nähe des kleinen Dorfs Orepuki liegt die Monkey Island. Die Mini-Insel ist nur bei Ebbe trockenen Fußes zu erreichen. Direkt am Strand darf man kostenlos übernachten, man muss nicht einmal self-contained sein, denn es gibt frisches Quellwasser und 2 Toiletten. Der Platz ist schon voll, viele Kiwis (Neuseeländer) haben es sich mit ihren großen Motorhomes und Zelten bequem gemacht, um hier die Weihnachtstage zu verbringen.

Am nächsten Tag fahren wir zur südlichsten und zugleich westlichsten Stadt Neuseelands, nach Invercargill. Beim nächsten Neuseeland-Stammtisch könnt ihr eure Freunde sicherlich beeindrucken, indem ihr den Namen dieser Stadt korrekt auf “car” betont. Die Stadt gewinnt zwar immer noch keinen Schönheitspreis, gefällt uns dieses Mal aber schon viel besser als bei unserem letzten Besuch im Mai 2011. Dieses Mal ist das Wetter auch gut genug für einen Abstecher in die große Innenstadt. Endlich können wir auch wieder in unserem Lieblings-Supermarkt Pak’n Save einkaufen, den es auf der Südinsel gar nicht so oft gibt.

Am Nachmittag beschließen wir bei immer noch gutem Wetter, ein persönliches Highlight unseres letzten Aufenthalts ein weiteres Mal zu besuchen. 25 km von Invercargill entfernt liegt der kleine Ort Bluff. “Where the highway begins” ist das Motto der kleinen Ortschaft, in der Tat beginnt Neuseelands State Highway 1 hier, das ist schon eine bemerkenswerte Tatsache. Sonst gibt es wahrlich nicht viele touristische Highlights, mit denen sich Bluff rühmen könnte, wenn da nicht der Stirling Point wäre. Sicherlich habt ihr auf unseren Traumteiler-Shows oder auf unserer Facebook-Seite schon das gelbe Schild mit Wegweisern in alle Himmelsrichtungen gesehen. Dieses ist definitiv den Abstecher nach Bluff wert. Der Blick vom kleinen Lookout ist beeindruckend und das gelbe Schild gehört zu unseren persönlichen Fotomotiv-Highlights. Ein gutes Stück Traumteiler-Geschichte ist damit verbunden, da wir die dort entstandenen Fotos schon für viele Gelegenheiten einsetzen konnten.

Aber wir haben Pech. Über Bluff und leider auch über dem Stirling Point liegt eine Nebelbank, die sich wenig später in eine ausgewachsene Regenwolke verwandelt. Der Regen will an diesem und auch am nächsten Tag, den wir wieder in Invercargill verbringen, nicht aufhören. Wir sitzen die Zeit in der gemütlichen Küche einer Campsite in der Stadt ab und tauschen uns mit anderen Reisenden aus. Natürlich versäumen wir nicht, uns ausgiebig über den Regen zu beschweren. Erst am übernächsten Tag sehen wir die Sonne wieder und wir wagen einen erneuten Ausflug nach Bluff. Heute ist das Wetter perfekt, strahlender Sonnenschein, fast keine Wolken, angenehm warm. Genau so muss es sein!

In Invercargill füllen wir nochmal unsere Vorräte im Supermarkt auf und fahren an der Küste zurück bis zur Monkey Island, wo wir wieder eine Nacht verbringen. Am nächsten Tag besuchen wir ein weiteres Highlight, ein sehr persönliches Highlight wohlgemerkt, das die meisten Neuseeland-Touristen vermutlich gar nicht kennen. Ein paar Kilometer nordwestlich von Orepuki liegt direkt am State Highway 99 ein Ort, mit dem Marsi und ich viel verbinden, seit wir dort im Mai 2011 einen fantastischen Nachmittag und Abend erlebt haben. Der Sonnenuntergang war damals, im kühlen Herbst, schon am späten Nachmittag. Heute besuchen wir den Ort genau zur Sommersonnenwende im Dezember (auf der Südhalbkugel genau um 6 Monate versetzt), am längsten Tag des Jahres, bei warmem Sommerwetter. Wir fahren auf den leeren Parkplatz und stellen fest, dass sich nichts verändert hat. Es ist immer noch traumhaft schön, die Erinnerungen sind noch so präsent, der Ausblick auf den rauen Südpazifik führt direkt in die Unendlichkeit. Wenn ihr einmal am McCracken’s Rest vorbeifahrt, genießt diesen magischen Ort für eine Minute und denkt an uns. Es lohnt sich.

Wir verlassen wenig später den Highway 99, biegen nach rechts ab auf die 96 und bei Winton wieder Richtung Norden auf die 6. Um 15:30 Uhr haben wir Hunger, auch Dari hat sich schon beschwert. Wie gerufen kommt das 500-Seelen-Dorf Lumsden, durch das der Highway führt. Hier gibt es einen öffentlichen Dump Point für unseren Lui und einen Supermarkt, eine Tankstelle, eine Apotheke, eine Bäckerei und ein Restaurant. Genau vor diesem parken wir, es trägt den einladenden Namen Route 6 Café and Bar. Wir sind einigermaßen überrascht, als wir das Restaurant betreten und darin einen halben dunkelroten Dodge aus den 50ern finden, hinter dem die Cocktailbar installiert ist. Überhaupt ist alles ganz hübsch eingerichtet und stilgerecht auf American Diner gemacht. Da in den anderen Geschäften von Lumsden wohl kein Platz mehr war, ist in der Ecke links hinten auch noch die Postfiliale untergebracht, passt ja auch irgendwie dazu.

Wir bestellen uns einen Burger mit Pommes, Kartoffelecken und einen Flat White (einen Milchkaffee). Was wir bekommen, ist ein fantastisches Mittagessen, ich würde fast behaupten, ich habe selten einen besseren Burger und ganz sicher noch nie bessere Kartoffelecken gegessen. Diese kommen nämlich mit Schinkenstreifen und Käse überbacken und mit ordentlich viel Sour Cream und Sweet Chili Sauce. Zunächst stehen wir dieser Kombination skeptisch gegenüber, nach dem ersten Bissen aber steht fest, dass diese Ecken der Maßstab fürs restliche Leben sein werden.

Mit vollem Bauch und 31,80 NZD (20 Euro) weniger im Geldbeutel kommen wir viele Schaffarmen und endlose grüne Hügel später wieder am Lake Wakatipu an, wir verbringen die Nacht auf einer kostenlosen Campsite und haben den Premium-Stellplatz direkt am See ergattert. Keine 10 Meter trennen uns vom glasklaren und eiskalten Wasser, das Dari sofort für sich entdeckt. Ein bisschen peinlich ist es schon, wenn der eigene Sohn bis zum Hals ins Wasser steigt und dabei keine Miene verzieht, während ich schon ab den Knien nur noch mit laut gebrüllten langgezogenen Vokalen Zentimeter für Zentimeter weitergehen kann und spätestens beim Oberschenkel streike.

Auch am nächsten Morgen ist der See kein Grad wärmer geworden, das ist Dari aber herzlich egal. Kurz vor Mittag fahren wir los, Dari schläft nach dem anstrengenden Bad im Eiswasser gleich ein. Perfekt für die nächste Stunde, denn auf der Strecke nach Queenstown jagt ein Lookout den nächsten, an fast jedem halten wir an und genießen das perfekte Fotowetter. Wo wir schon mal wieder in der Adrenalinstadt sind, gehen wir auch nochmal zu Fergburger. Die Schlange vor dem kleinen Restaurant ist heute noch viel länger als vor wenigen Tagen. Es dauert 10 Minuten, bis wir überhaupt die Bestellung aufgeben können und weitere 25, bis sie geliefert wird. Es ist fast zu warm heute, obwohl es nur 25 Grad sind, brennt die Sonne in der Stadt erbarmungslos. Wir entspannen gemütlich an einem schattigen Plätzchen am Steinstrand und fahren zu unserer Campsite für die Nacht.

Heute hat Marsi einen Platz für die Übernachtung gefunden, an den wir uns zweifelsfrei noch lange erinnern werden. Er gefällt uns so gut, dass er uns einen eigenen Artikel wert ist, in dem wir euch darüber berichten. Der nächste Morgen ist nicht irgendeiner, es ist der Heilige Morgen am 24. Dezember. Wir verbringen nach dem Frühstück noch ein paar Stunden an diesem besonderen Ort und fahren 60 km nach Wanaka zurück. Es ist die gleiche Strecke wie schon auf dem Weg von Wanaka nach Queenstown vor einer Woche, die Lupinen blühen immer noch und sehen heute fast noch bunter aus als letzte Woche.

In Wanaka sind wir wahnsinnig genug, um kurz vor den Weihnachtsfeiertagen im einzigen großen Supermarkt der Stadt einkaufen zu gehen. Der Platz dort ist begrenzt und die Gänge sind deutlich enger als in anderen großen Supermärkten, das war schon immer so. Aber heute ist es zusätzlich auch noch unglaublich voll. Jeder zweite Einkäufer ist ein Tourist und jeder dritte ein Deutscher, so kommt es uns vor. Wir beeilen uns, kaufen nur das Nötigste und erleben noch eine nette Überraschung am Ausgang.

Da sitzen sie und warten auf Dari, als hätten sie auf nichts anderes gewartet: Mr und Mrs Santa haben es sich auf einer Bank gemütlich gemacht, direkt beim Ausgang des Supermarkts. Das lassen wir uns nicht entgehen. Wir wollen Dari nach dem Schock beim Friseur in Te Anau gleich noch ein weiteres Mal auf den Ernst des Lebens vorbereiten und stellen uns in der Schlange an. Als wir an der Reihe sind, ist Dari schon gar nicht mehr so glücklich, wie er sonst fast ausnahmslos immer ist. Er schaut abwechselnd zu Mama, die ihn auf dem Arm trägt und zu mir, ich halte den ersten Kontakt zum Nikolaus natürlich mit der Kamera fest. Augen für Mr und Mrs Santa hat er nicht, es ist ihm alles viel zu suspekt. Zwischen Geschrei und Tränen schenken sie ihm einen Lolli und ein paar Wasserfarben. Während Dari sicherlich froh ist, als wir endlich wieder zum Auto gehen, können Marsi und ich uns das Lachen nicht verkneifen. So sind wir zu unserem Sohn!

Hiermit endet eine tolle Woche und ein beeindruckender Ausflug in den Süden. Die nächsten Tage wollen wir mit Nichtstun verbringen, ab und an mit der Familie und mit Freunden skypen und ein bisschen Weihnachten feiern. Genießt unsere Fotos, dieses Mal ist es uns besonders schwergefallen, eine Auswahl zu treffen:

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Der Süden der Südinsel

von Daniel Schroth Lesedauer: 12 min
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