Chaos in Bangkok, Teil 1

Feb

23

2011

23.02.2011 | Von Daniel Schroth | 8 Kommentare

Chaos in Bangkok, Teil 1

Am 19. Februar stehen wir früh auf, um meine Eltern zu verabschieden, die schon im Morgengrauen zum Flughafen aufbrechen. Wir hatten 3 wunderschöne Wochen und haben uns riesig über den Besuch gefreut. Inge und Jürgen hat es gut gefallen, zu viert haben wir viel gesehen und erlebt, trotzdem war genug Zeit zum Nichtstun. Mit vielen Erinnerungen und Fotos und einem zusätzlichen, voll bepackten, leuchtend grünen Koffer mit überschüssigem Gepäck von uns kommen sie am Abend desselben Tags in Frankfurt und schließlich zu Hause in Karlsruhe an.

Jetzt sind wir also wieder zu zweit, eine kurze Zeit müssen wir uns schon an dieses neue Gefühl gewöhnen. Aber es wird uns in den nächsten Tagen keine Zeit zum Nachdenken bleiben, denn wir haben – teilweise ungeplant und vor allem ungewollt – volles Programm. Am besten beginnen wir vorne, nämlich am Morgen dieses Tags, als wir meine Eltern verabschieden.

Wir frühstücken gemütlich und Marsi fährt geschwind ins Krankenhaus. Krankenhaus? Richtig! Denn sie muss noch eine Untersuchung durchführen lassen, deren Ergebnis sie für ihre Operation am Abend benötigt. OPERATION? Auch richtig: Nach beinahe 5 Monaten auf Weltreise, mitten im schmuddeligen Bangkok, das neben schönen Sehenswürdigkeiten und gutem Essen auch Kakerlaken, Durchfall, Geschlechtskrankheiten, Korruption, eine hohe HIV-Rate, Rot-, Gelb- und sonstigen Hemden, Militärputsche, mehrfach benutzte Infusionsnadeln in Krankenhäusern, schlechte hygienische Verhältnisse und bestimmt kein vorbildliches Gesundheitssystem bietet, lässt sich Marsi operieren. Und das freiwillig!

Lasik in Bangkok

Genug der Vorurteile, mit diesem räumen wir gleich auf. Wie ihr bestimmt wisst, ist Marsi ohne Brille oder Kontaktlinsen fast blind. Besonders lustig findet ich es, wenn sie morgens nach dem Aufstehen (noch ohne Brille) tastend nach eben dieser sucht. Damit wird bald Schluss sein. Bereits viele Wochen vor diesem Tag erfährt Marsi zufällig, dass Bangkok eine der weltweit begehrtesten Städte für Korrekturen von Sehschwächen mittels LASIK ist. Viel Recherchearbeit und einige E-Mails später hat sich Marsi so schlau auf dem Gebiet gemacht, dass sie Anfang Januar in Bangkok einen Untersuchungstermin in einer Privatklinik ausmacht. Sie ist so begeistert von der Technik, den Möglichkeiten, der Klinik und dem Arzt, dass sie sich entschließt, ihre Augen in Bangkok „lasern zu lassen“, wie man so schön sagt. Der Grund, warum sie das ausgerechnet hier machen lässt, liegt nicht auf der Hand, sondern auf dem Konto: Die Kosten für eine solche Operation sind in Bangkok gut die Hälfte niedriger als zu Hause. Unser Weltreisebudget federt das zwar nicht mal eben locker ab, aber wir müssen nicht lange überlegen, ob wir uns das leisten wollen oder nicht, die Aussicht auf ein Leben ohne Brille ist zu verlockend. Hier findet ihr einen ausführlichen Bericht über die Technik und den Ablauf der OP.

Zurück zur Klinik und den Vorurteilen: In einem der feinsten Gebäude der 10-Millionen-Stadt, direkt am Lumphini Park, hat die Firma TRSC eine hochmoderne Praxis. Überall freundliche Mitarbeiter in angenehmem Ambiente, Getränke und Snacks umsonst, eine Internet-Ecke mit neuen Laptops, gemütliche Sitzgruppen im Wartezimmer, so der erste Eindruck. Der zweite Eindruck ist aber wichtiger: Die hier arbeitenden Ärzte haben Weltklasse-Niveau, sprechen perfekt Englisch, haben im Ausland studiert, sind Spezialisten auf ihrem Gebiet und arbeiten nach dem aktuellen Stand des Wissens, auch alle eingesetzten Geräte sind top-aktuell. Keine Spur von schmuddelig und unorganisiert, schließlich sind wir auch in einer Privatklinik, wo man sich für harte Währung alles kaufen kann, was man zu Hause auch bekommt. Nur eben viel günstiger, aber bestimmt nicht schlechter.

Marsi wurde im Januar bereits umfassend über die verschiedenen Operationstechniken beraten und über sämtliche Risiken aufgeklärt, sodass sie kurze Zeit später einen Operationstermin für diesen Tag ausmacht. Noch ist es Mittag, als Marsi mit ihrem Untersuchungsergebnis aus einem anderen Krankenhaus zurückkommt. Wir sind alte Sparfüchse und wollen aus der ohnehin schon günstigen Augenoperation das Maximum herausholen, deswegen wollen wir bar bezahlen, viele frische neue 1000-Baht-Scheine haben wir in den letzten beiden Tagen aus den Geldautomaten geholt, Marsi sitzt auf dem Bett unseres Hotelzimmers und zählt: Es sind 75 Scheine. Ein bisschen mehr werden wir im Klinikgebäude noch holen müssen, dann reicht es locker, um alles zu bezahlen.

Das Bündel mit 75 Scheinen ist so dick, dass wir beschließen, es in meiner Bauchtasche im Zimmersafe im Hotel zu lassen. Meine Bauchtasche ist ein kleines Täschchen mit mehreren Fächern, ins Hauptfach stecken wir die Scheine, in den anderen Fächern ist alles, was man sonst so zum Reisen braucht: Euros, Dollars, Reisepass, Traveller’s Cheques, Kreditkarten und so weiter.

Wir gehen noch ein paar Besorgungen machen und kommen gute 2 Stunden später in unser Hotelzimmer zurück, inzwischen wurde saubergemacht. Ich finde die Tür des Safes offen, kein Grund zur Sorge, wir sind nicht in einer billigen Absteige. Ein kurzer Check bestätigt, dass sich immer noch alles Wichtige im Safe befindet: unsere Taschen, das Laptop, der MP3-Player, Handy. Auch das dicke Geldbündel ist immer noch im Hauptfach der Tasche. Wir haben wohl einfach nur vergessen, den Safe abzuschließen.

Schock des Tages – das Geld ist weg!

Wir fahren zur Klinik und sind pünktlich da. Ein paar heiße Schokoladen später geht es ans Bezahlen der Operation, ich hole das restliche, noch fehlende Geld vom Geldautomaten und wir wollen alle Scheine zählen. Aber es sind nicht genug. Wir haben uns wohl am Mittag verzählt, machen uns keine weiteren Gedanken und holen einfach noch etwas mehr vom Automaten. Die Operation wird bezahlt, wir haben noch etwas Zeit, setzen uns hin und überlegen. Nach Marsis Zählung am Mittag hätten wir, inklusive meiner erster Abhebung vom Automaten, noch genug Geld übrig haben müssen, dies war aber nicht der Fall. Uns fehlen ungefähr 15.000 THB (360 Euro).

Wir untersuchen penibel den Rucksack, den wir dabeihaben, schauen in jedes Fach unserer Bauchtaschen, finden aber keine weiteren Baht-Scheine. Aber wir finden etwas anderes: Im vorderen Fach meiner Tasche befindet seit unserer Abreise aus Deutschland eine wasserdichte Ziploc-Tüte, in der sich neben einem Amex Traveller’s Cheque (im Folgenden TC genannt) im Wert von 100 USD auch noch ein bisschen Fremdwährung befindet, ein paar Euros und ein paar USD.

Gerade gestern haben wir – bevor meine Eltern abreisten – unser komplettes Gepäck zerlegt und geprüft. In diesem Fach waren, verpackt in der Ziploc-Tüte, noch gestern neben dem TC noch genau 87 USD, 20 Euro und 30 südafrikanische Rand, daran ist nichts zu rütteln. Und jetzt finden wir im vorderen Fach nur noch den TC, ohne Tüte, ohne Euros und Dollars und Rand.

Die Sache wird schnell klar: Man hat uns bestohlen. Ganz fies und hinterhältig beklaut. Wir rechnen kurz, schließlich haben wir im Lauf des heutigen Tags ja auch Geld benötigt und noch mehr geholt. Es fehlen genau 14.000 THB, 20 Euro, 87 USD und 30 Rand. In Summe also Bargeld im Wert von ca. 420 Euro. Das ist verdammt viel! Trotzdem, warum auch immer, hat der Dieb 60.000 THB in der Tasche gelassen und nicht mitgenommen.

Panik lassen wir nicht aufkommen, denn der größte Teil des Geldes ist ja zum Glück noch da. Wir überlegen nüchtern und beschließen, dass ich mich im Hotel um den Diebstahl kümmern werde, während Marsi möglichst entspannt auf dem Operationsstuhl liegt. Ich habe mir in den 5 Monaten unserer Weltreise mehrere schwarze Gürtel in verschiedenen sportlichen Disziplinen verdient: Gelassenheit, Geduld, Ruhe, Sachlichkeit und vor allem in der wichtigsten Disziplin, dem Niemals-aufgeregt-und-laut-mit-Asiaten-sprechen. Jetzt kann ich zeigen, ob ich die schwarzen Gürtel wirklich tragen darf.

Ich nehme mir ein Taxi zum Hotel, es kann nicht schnell genug gehen. Zuerst prüfe ich das Zimmer und den Safe, nirgends ist Geld zu finden. Dann gehe ich zur Rezeption, frage nach dem Manager und erkläre sachlich und ruhig die Tatsachen. Die Mitarbeiter sind sichtlich schockiert, denn in dem erst kürzlich eröffneten Hotel ist ein Diebstahl bisher noch nicht vorgekommen. Der Manager telefoniert mit dem General Manager, erklärt ihm die Lage und bekommt das Versprechen, dass dieser sich so schnell wie möglich darum kümmern wird.

Plötzlich bemerke ich, als ich auf ein Stück Papier alle Fakten für den Hotelmanager aufschreibe, neben mir einen sympathischen jungen Thai in meinem Alter, locker in weißen Turnschuhen und Jeans gekleidet. Es war der Polizist, den man inzwischen gerufen hatte, um Anzeige zu erstatten. Zusammen kommt uns die Idee, dass wir ja mindestens auf dem im vorderen Fach der Bauchtasche zurückgelassenen TC und eventuell auch auf weiteren Dingen in der Tasche Fingerabdrücke vom Dieb finden müssten, denn dieser muss ja auf der Suche nach weiteren Scheinen alles durchgesehen haben. Ich lasse ein paar Dokumente und Tüten bei der Rezeption zurück in der Hoffnung, dass sich die Polizei darum kümmern wird.

Eine Angestellte holt mich auf den Boden der Tataschen zurück:

„Don’t trust Thai police too much. We don’t have CSI here like on TV, and finding fingerprints can take one month or more“.

Prima, das wollte ich hören! Die Hauptverdächtigen sind zum Glück schnell gefunden: Es gibt eine Supervisor-Putzfrau aus Thailand, die die Schlüsselgewalt hat. Sie öffnet und schließt für das Putzteam die Zimmertüren und schaut, dass alles seine Ordnung hat. Das Putzteam für unser Zimmer bestand an diesem Tag aus 2 Putzfrauen aus Myanmar, die man aus ihrem wohlverdienten Feierabend sofort ins Hotel bestellt hat. Seit einiger Zeit sitzen sie schon neben mir und schauen verwundert auf das Chaos und die vielen Hotelmitarbeiter, die auf einmal so aufgeregt telefonieren und sich um den Diebstahl kümmern. Es sind also 3 Personen, die während unserer kurzen Abwesenheit am Nachmittag definitiv im Zimmer waren. Es könnte natürlich auch jemand gewesen sein, der die Tür gewaltsam ohne Schlüssel geöffnet hat. Auch andere Hotelmitarbeiter kommen in Frage, die sich mit unserem (an der Rezeption abgegebenen) Schlüssel oder einem Zweitschlüssel Zutritt zum Zimmer verschafft haben könnten.

Es wird Zeit, dass ich zurück zur Klinik fahre, um Marsi abzuholen. Diese finde ich schlafend und zugedeckt auf einer Couch, die meisten Klinikmitarbeiter sind bereits nach Hause gegangen. Marsi geht es gut, sie hat auf jedem Auge eine Schutzkappe, die sie bis zum nächsten Tag tragen muss. Die Operation ist bestens verlaufen, der Arzt ist zufrieden, Marsi auch, soweit sie es zu diesem Zeitpunkt bereits beurteilen kann.

Wir fahren zurück ins Hotel, tauschen uns über die letzten beiden Stunden aus. Ich hole Abendessen vom Straßenstand gegenüber, Fried Rice und ein paar Nachtische, ganz Thai-style in Plastiktüten verschnürt. Kurz danach schläft Marsi auch schon, denn für die erste Nacht hat man ihr ein paar Valium-Tabletten mitgegeben. Als ich um Mitternacht ins Bett gehe, bemerke ich etwas, das ich schon seit längerer Zeit nicht mehr hatte: Fieber. Ich fühle mich gar nicht gut, friere, obwohl im Zimmer mindestens 25 Grad sind, ich lege mich unter die Decke und friere immer mehr. Gegen 3:30 Uhr bestätigt unser Fieberthermometer, dass es inzwischen über 39 Grad Fieber sind.

Den nächsten Tag verbringe ich komplett schlafend im Bett, außer ein paar Keksen und Wasser nehme ich nicht viel zu mir. Wir haben keine Ahnung, woher das Fieber kommt. Die leichte Erkältung, die ich seit wenigen Tagen habe, sollte nicht der Grund sein, sie war ohnehin schon fast vorbei. Magen- oder Darmprobleme haben sich bisher nicht eingestellt. Für ernsthafte Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber sind die Symptome zu schwach und nicht aussagekräftig genug.

Marsi fährt alleine, immer noch mit Augenschutz auf beiden Augen, zur Klinik und lässt sich in der ersten Folgeuntersuchung bestätigen, dass wirklich alles bestens verlaufen ist. Sonst passiert nicht viel an dem Tag, zu unserem Diebstahl gibt es nichts Neues, weder von der Rezeption noch von der Polizei. Wir finden uns damit ab, dass wir gut 400 Euro Lehrgeld bezahlt haben für die weise Einsicht, wirklich niemandem zu vertrauen und alle wichtigen Dokumente am besten immer direkt bei uns zu tragen.

Wie viel Glück man haben kann und wie es mit meinem Fieber weitergeht, lest ihr im nächsten Teil des Berichts. Ach ja, ein kleines Visum-Problem haben wir auch noch, denn wir müssen Thailand eigentlich sehr bald verlassen, was aber wegen des Fiebers und Marsis zweiter Untersuchung eine Woche nach der Operation überhaupt nicht in unseren Plan passt. Aber auch hierfür finden wir eine Lösung.

Comments (8)

  1. Hallo Daniel, Marsi,

    da habt Ihr ja wirklich etwas erlebt, das wird man so schnell nicht vergessen.
    Hatte erste jetzt ddie Gelegenheit einen Eurer Reiseberichte ausführlich zu lesen.

    Werde die nachfolgenden mir auch noch zu Gemüte führen.

    Liebe Grüße

    Michael

  2. Wie man liest, habt ihr euren Humor trotz widriger Umstände nicht verloren. Gut so! 🙂 Bin gespannt auf die Fortsetzung …

  3. Gute Besserung @Daniel, es sollte dich allerdings beruhigen das Du nun eine Frau mit Durchblick an deiner Seite hast.
    Grüße aus KA

  4. Hi Ihr armen Säcke!
    Geht das nicht noch ein bisschen spannender? Da könnten doch noch ein paar dubiose Gestalten, vielleicht eine Waffe oder gar der Geheimdienst vorkommen…
    Ich beneide Euch nicht! Wünsche viel Glück und harre der Folge 2
    Günter

    1. Geheimdienst klingt gut, mit Waffen haben wir’s nicht so, und die Polizei allein hat uns gereicht! Aber leider hat er weder eine Uniform angehabt noch sah er aus wie Schimanski oder Balko. Mehr zu der Geschichte und wie alles ausgegangen ist, gibt’s sehr bald!

Wir freuen uns über Deinen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind gekennzeichnet mit *.

Chaos in Bangkok, Teil 1

von Daniel Schroth Lesedauer: 10 min
8