Zugfahrt nach Delhi

Dez

11

2010

11.12.2010 | Von Daniel Schroth | 1 Kommentar

Zugfahrt nach Delhi

Gerade noch rechtzeitig erreichen wir mit einem Tuktuk den Bahnhof in Varanasi. Um 15:45 Uhr soll unser Zug abfahren, der uns über Nacht nach Delhi bringt. Es bleibt gerade noch genug Zeit, das Gleis zu erreichen und ein bisschen Proviant einzukaufen. Von wegen. Ein freundlicher Angestellter sagt uns, dass sich unser Zug verspätet. 17:05 Uhr ist die neue Abfahrtszeit, das bedeutet eine gute Stunde Wartezeit.

Während die meisten Inder in oder vor dem Bahnhofsgebäude stehend oder liegend ihre Wartezeit verbringen, sitzen wir mit anderen Touristen im “Foreign Tourist Center” auf einer gemütlichen Couch. Marsi macht ein paar Sudokus, ich erkunde den Bahnhof und fotografiere draußen eine Kuh, die sich ganz offensichtlich verlaufen hat und gemütlich vor der Bahnhofshalle vor sich hin wiederkäut.

Zugfahrt nach Delhi

Um 17:30 Uhr suchen wir auf Gleis 1 den Waggon, in dem sich unser Schlafabteil befinden soll. Mit der “Sleeper Class” haben wir bereits Erfahrung, dieses Mal haben wir die nächstbessere Klasse 3AC gebucht, hier soll es ein eigenes Abteil geben, das man sich nicht mit anderen teilen muss, da die Sitz- bzw. Schlafplätze strikt vergeben werden. Wir finden unsere Sitze 25 und 26, eine indische Familie mit 2 kleinen Kindern ist bereits im Abteil. Insgesamt gibt es in einem Waggon 64 Betten, angeordnet in kleinen 6er-Abteilen mit 3 Betten auf jeder Seite quer zur Fahrtrichtung, außerdem noch 2 Betten übereinander in Fahrtrichtung auf der anderen Seite des Gangs.

Die indische Familie hat nur 2 Betten gebucht, die Kinder fahren umsonst. Es sind noch 2 Frauen einer großen Pilgergruppe in unserem Abteil, mit denen wir uns schnell anfreunden. Mit der indischen Familie werden wir nicht warm, nicht nur aus sprachlichen Gründen. Bereits kurz nach Abfahrt stellen wir fest, dass die Mutter, Anfang 20, uns unaufhörlich anstarrt. Mich stört das recht wenig, es ist nur ungewohnt. Ich starre gerne zurück, worauf die Inderin mit ihrem Blick auch schnell ausweicht.

Wir reden mit netten Leuten der Pilgergruppe. Bald gibt es Abendessen, für 60 INR (1 Euro) serviert ein Angestellter ein Essen, ähnlich wie im Flugzeug und erstaunlich lecker. Gegen 22:30 Uhr verwandeln wir die Sitze in Betten, wir haben das untere und das mittlere. Statt der dünnen Decken nehmen wir lieber unsere Schlafsäcke. Für das Gepäck ist viel zu wenig Platz im Abteil: Marsis Rucksack steht in der Mitte zwischen den Betten, meinen Rucksack drücken wir auf den staubigen Boden unter mein Bett. Unsere beiden Daypacks nehmen wir mit in die viel zu kleinen Betten.

An Schlaf ist in der Nacht kaum zu denken, immer wieder hält der Zug an und bleibt teilweise über eine Stunde stehen, dann rauscht überraschend ein Gegenzug an uns vorbei und weckt uns auf. Sobald der Zug wieder seine Geschwindigkeit erreicht hat, rüttelt er uns dermaßen hin und her, dass wir auch nicht wieder einschlafen können. Falls wir in früheren Artikeln etwas Schlechtes über den Zug von Peking nach Lhasa gesagt haben sollten, vergesst es. Wie hätten wir uns diesen Zug jetzt herbeigewünscht! Marsi bemerkt, dass die indische Mutter sie sogar im Halbdunkel anstarrt, während alle bereits in ihren Betten liegen.

Um 7:00 Uhr werden wir geweckt, die Pilgergruppe startet mit einem halbstündigen Gebet in den sonnigen Tag. Mit Hilfe eines Mikrofons und eines kleinen Verstärkers schließen sie den gesamten Waggon in ihr Morgengebet ein. Eine gute Stunde später werden aus den Betten wieder Sitze: das mittlere Bett wird nach unten geklappt, sodass wir mit dem Vater der indischen Familie auf dem unteren Bett sitzen können.

Bereits während der Nacht war Marsi der teils unerträgliche Uringeruch aufgefallen, jetzt sehen wir, was es damit auf sich hat. Der ältere Sohn der indischen Familie ist mit seinen gut 2 Jahren schon einigermaßen trocken, was man vom jüngeren keineswegs behaupten kann. Windeln trägt er nicht, hier löst man das anders. Während der Kleine auf dem Klapptisch neben uns mit seinem Vater spielt, passiert es. Der Tisch wird nass, ein Teil läuft auf Marsis Rucksack, den wir sofort in Sicherheit bringen. Die Hose wird ausgezogen, eine neue angezogen. Was jetzt noch nicht auf den Boden gelaufen ist, wird mit der alten Hose einfach aufgewischt. Diese hängt der Vater dann neben sich ans Fenster zum trocknen. Die Familie hat mehrere Hosen dabei, insgesamt 6 Stück, sodass immer eine trocken ist. Das Spiel wiederholt sich noch ein paar Mal während der nächsten Stunden, immer wieder wird eine nasse Hose ans Fenster gehängt, bis dort 5 Hosen trocknen, also alle bis auf die, die der Kleine gerade trägt. Die Familie scheint das alles überhaupt nicht zu stören. Jedes Mal, wenn sich der Kleine wieder in die Hose und auf den Tisch oder das Bett pinkelt, lachen sie uns an. Die Mutter hat uns weiterhin ständig im Blick, das Starren hört nicht auf. Marsi reicht es jetzt endgültig.

Immer wieder vertröstet man uns mit einer neuen Ankunftszeit des Zugs in Delhi. Eigentlich hätten wir um 4:20 Uhr morgens dort ankommen sollen, dann hieß es 8, später 10 Uhr. Um 12:30 Uhr, mit über 8 Stunden Verspätung, erreichen wir endlich den Hauptbahnhof in Delhi und können das unerträglich nach Urin stinkende Abteil verlassen.

Wir laufen zur Metro-Station gegenüber, werden wieder fast überfahren und kaufen 2 Tickets in die Stadt, denn der Bahnhof, an dem wir ankamen, ist noch viele Kilometer von der “New Delhi Railway Station” entfernt, wo sich unser Guesthouse befindet. Die Metro ist eine recht moderne Bahn, überirdisch und erstaunlich gut organisiert, fast schon richtig sauber. Es gibt einen eigenen Wagen ganz vorne nur für Frauen und auch den passenden Teil am Gleis, wo nur Frauen einsteigen dürfen. Wir übersehen das Hinweisschild absichtlich und werden gleich von einem Officer verscheucht.

Kurz nach 14 Uhr erreichen wir die New Delhi Railway Station und gehen zu Fuß zu unserem Guesthouse, das wir in den verwinkelten Gassen kaum finden können. Die kleinen Zimmer im Smyle Inn sind neu und sauber, wir sind froh, endlich angekommen zu sein und freuen uns auf eine heiße Dusche.

Ihr könnt euch vorstellen, dass diese Zugfahrt nicht wesentlich dazu beigetragen hat, dass Marsi und Indien bessere Freunde werden, ganz im Gegenteil. In unseren nächsten Artikeln könnt ihr lesen, dass aber doch genug Sympathie übrig bleibt, um eine ausgedehnte Tour durch Rajasthan zu unternehmen.

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Comments (1)

  1. Haha, das mit dem Anstarren hab ich schon von anderen Indienreisenden gehört. Wie die heiligen Kühe.
    Nach euren Berichten würde mich an Indien nur das Essen interessieren.
    Kopf hoch Marsi!

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Zugfahrt nach Delhi

von Daniel Schroth Lesedauer: 5 min
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