Auf dem Weg nach Nepal, Teil 2

Okt

31

2010

31.10.2010 | Von Daniel Schroth | 3 Kommentare

Auf dem Weg nach Nepal, Teil 2

Tag 3

Um 5:00 Uhr klingelt unser Wecker, nur widerwillig können wir uns aus dem warmen Schlafsack schälen. Knapp 8 Grad zeigt unser Thermometer, wir wundern uns nicht, dass wir während der ohnehin kurzen Nacht wahrlich nicht gut geschlafen haben. Wir packen unsere Rucksäcke und treffen uns um 5:30 Uhr zum Frühstück mit den anderen.

Kurz nach 6 Uhr fahren wir los, nach kurzer Zeit erreichen wir einen Checkpoint. Hier will man unsere Pässe sehen und das Tibet Travel Permit. Während der nächsten Stunde bleibt es stockdunkel. Wir sind froh, dass neben unseren beiden Landcruisern noch weitere unterwegs sind, denn offensichtlich hat unser Wagen ein Problem mit dem Abblendlicht, die meiste Zeit funktioniert es nicht. Das bisschen Schotterpiste mit Serpentinen kann man ja auch ohne Licht fahren, die Scheinwerfer des Autos vor uns reichen vollkommen aus.

Um 7:30 Uhr erreichen wir den Pass, wie gewohnt begrüßen uns die bunten Gebetsfahnen. Die Sonne ist wahrscheinlich noch irgendwo in Japan, denn viel sehen wir noch nicht. Aber in der Ferne können wir erahnen, was sich uns bald zeigen wird: Ein Ausblick auf die Nordseite des Himalaya, der Mount Everest mittendrin. Langsam geht die Sonne auf und bescheint die schneebedeckten Gipfel von links. Wir wandern bei -10 Grad und über 5000 m Höhe auf einen kleinen Hügel, um eine bessere Sicht zu haben. Unsere Finger und Zehen spüren wir kaum noch, auch die Handschuhe können nicht mehr viel ausrichten. Jetzt wissen wir auch, warum wir am Morgen fast alle Lagen Kleidung angezogen haben, die wir dabeihaben. Die Fernsicht ist atemberaubend, auch wenn wir neben Mount Everest und Lhotse die anderen beiden 8000er nicht mit Namen kennen. Und überhaupt ist das mit den Namen der Berge so eine Sache, es gibt die uns bekannten Namen, daneben die tibetischen und die nepalesischen. Qomolangma ist beispielsweise der tibetische Name für den Everest, auf nepalesisch heißt er Sagarmatha.

Unsere Fahrt geht weiter Richtung Süden, immer wieder sehen wir den majestätischen Mount Everest in der Ferne, er kommt immer näher. Am frühen Mittag erreichen wir den höchsten Punkt unserer Reise und gleichzeitig auch die größte Höhe, in der wir uns jemals befunden haben. In 5100 m Höhe liegt die Rongbuk Monastery, ein uraltes tibetisches Kloster. Während mit Blick auf den jetzt in greifbarer Nähe erscheinden Everest links das alte Kloster liegt, sind rechts ein paar Zimmer und ein kleines Restaurant, hier sollen wir die nächste Nacht verbringen.

Sonnig ist es hier oben, doch der Wind bläst eisig kalt. Wir entscheiden schnell, dass wir die Nacht lieber in der nächsten Stadt verbringen, da außer uns keiner in der Gruppe Schlafsäcke mitgebracht hat und die Nacht noch kälter werden würde als die letzte. Eigentlich hätten wir hier im Everest Basecamp in Yakhaarzelten schlafen sollen, doch diese wurden wegen der eisigen Temperaturen schon längst abgebaut.

Die 4 km zum Everest Base Camp fahren wir mit dem Landcruiser, ab hier braucht man ein anderes, sehr teures Permit, um zum „richtigen“ Basecamp zu kommen, von wo aus die Gipfelstürmer den Everest über die Nordseite erklimmen. Wir sind dem höchsten Berg der Welt so nah, dass wir ihn fast greifen können. Schnee gibt es auf unserer Höhe aber nicht, sodass uns schnell klar wird, dass noch einige Kilometer zwischen uns und dem Berg liegen. Wir genießen den einmaligen Ausblick von einem kleinen Hügel aus und frieren im eisigen Wind.

Nach einem Mittagessen im Kloster erleben wir eine Überraschung. Während die Straßen bisher einigermaßen gut waren, biegen wir jetzt von der holprigen Schotterpiste in einen schmalen Pfad ab. Hier gibt es keinen Schotter mehr, über spitze Steine und riesige Löcher fahren wir jetzt Offroad. Hier zahlt sich der Vierradantrieb der Landrover aus, wir werden ordentlich durchgeschüttelt, so dass wir unser Laptop sicherheitshalber aus dem Rucksack nehmen, denn das wollen wir der Festplatte nicht zumuten. Dachten wir anfangs noch, dass dies eine kurze Abkürzung zur nächsten großen Straße sein muss, zieht sich der Weg unaufhörlich durch die unterschiedlichsten Landschaftsformen: Manchmal fühlen wir uns wie in der Sahara mit Sanddünen ringsum, ein paar Minuten später umgibt uns eine Steinwüste, dann kommt wieder eine eisige Steppe mit zugefrorenen kleinen Flüssen. Die Fahrer geben alles und wir fragen uns, wie bei solchen Straßen schon über 200.000 km auf dem Tacho unseres Landcruisers sein können. Körperlich zwar recht belastend lohnt sich diese „Abkürzung“ landschaftlich aber sehr, den Himalaya immer im Blick.

Nach 3 Stunden kommen wir endlich in der nächsten Stadt Old Tingri an. Wir können kaum glauben, gegen was für eine Absteige wir unsere Nacht in der kalten Rongbuk Monastery beim Base Camp getauscht haben. Die Zimmer sind unsäglich, es gibt eiskaltes Wasser aus einem Brunnen, die Toiletten sind zwei Löcher im Boden, eines für die Herren und eines ohne Tür und ohne Licht für die Damen. Fantastisch. Wieder packen wir das Nötigste aus, sind froh um unsere Schlafsäcke und stellen uns auf eine weitere kalte Nacht ein.

Beim Abendessen stelle ich fest, dass Yakbuttertee wirklich eine einmalige Erfahrung ist und auch eine solche bleiben wird, denn dieses Getränk ist für den westlichen Gaumen schlicht ungenießbar. Es schmeckt wie aufgelöste Butter mit Gorgonzola, nur sehr flüssig. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt schlafen wir irgendwann ein und wachen am nächsten Morgen mit dem üblichen rauen Hals auf. Die trockene und eiskalte Luft sind wir auch nach vielen Tagen noch nicht gewohnt.

Tag 4

Nach einem dürftigen Frühstück fahren wir auf gut asphaltierten Straßen weiter Richtung Südwesten auf dem Friendship Highway. Man erzählt uns, dass diese wichtige Straße erst seit 2006 so gut befahrbar ist und vorher noch eine staubige Schotterpiste gewesen war. Nach der gestrigen Erfahrung sind wir ganz froh darüber. Einen kurzen Stopp müssen wir einlegen, da eine andere Gruppe mitten auf der Straße den defekten Stoßdämpfer ihres Landcruisers repariert. Da es hier keine Werkstatt gibt, übernehmen die Fahrer die Reparatur kurzerhand selbst. Ob das Ergebnis stimmt, wird überprüft, indem mehrere Leute den Wagen schütteln und abschätzen, ob es jetzt wieder in Ordnung ist.

Bald geht es steil nach unten, an einem Fluss entlang, und plötzlich ändert sich die Landschaft dramatisch. Wir sehen einen Baum links, bald sehen wir ganze Wälder und Tausende Pflanzen, alles wird auf einmal grün. Je näher wir der Grenzstadt zu Nepal kommen, desto mehr tropische Pflanzen sehen wir.

Um 15:00 Uhr erreichen wir Zhangmu, wo wir unsere letzte Nacht verbringen. Die für uns reservierten Zimmer sind in einem Hotel, das diesen Namen aber wahrlich nicht tragen sollte. Das Zimmer zeigt direkt zur lauten Straße, ein feuchter Geruch, Schimmel an der Wand, Haare und gelbe Flecken auf dem Bettzeug und ein verdrecktes Waschbecken können uns nicht überzeugen. Nach vielen Versuchen erklärt sich unser Guide bereit, einen Teil für ein besseres Hotel gegenüber zu bezahlen, wir legen den Rest obendrauf und wechseln das Hotel. Eine gute Entscheidung, denn hier können wir wenigstens schlafen.

Zhangmu besteht aus einer Straße, die sich kilometerlang am Berg schlängelt. Hier wollen große Lkw durch, Autos und Motorräder. Wegen der vielen Kurven wird noch viel mehr gehupt als sonst, was wir aufgrund der schmalen Straßen recht schnell als äußerst nervig empfinden.

Tag 5

Am nächsten Morgen fahren wir die letzten Kilometer zur nepalesischen Grenze, unser Landcruiser kommt aber nicht weit. Wir schultern unsere Rucksäcke und gehen zu Fuß weiter, vorbei an unzähligen bunten nepalesischen Tata-Lkw. Immer wieder werden wir von der Straße gehupt, bis wir schließlich die chinesische Grenzstation erreichen, die auf der einen Seite der Friendship Bridge liegt.

Unser Gepäck wird durchleuchtet, zum Glück ist nicht viel los um diese Zeit, sodass wir schnell an einer manuellen Kontrolle ankommen. Während es an unserem Gepäck nicht viel zu meckern gibt, hat Vicky aus unserer Gruppe einen China-Reiseführer dabei, der minutenlang inspiziert wird. Was die Grenzbeamten dabei genau suchen und dass sie, hätte sich das Buch weiter unten im Rucksack befunden, es gar nicht entdeckt hätten, erschließt sich uns nicht. Unsere gebuchte Tibet-Tour endet hier, ab jetzt sind wir wieder auf uns alleine gestellt.

Zu Fuß gehen wir durch Niemandsland vorbei an Soldaten über die Friendship Bridge, die über einen Fluss führt und Tibet mit Nepal verbindet. Auf der nepalesischen Seite wird schlagartig alles anders, hier herrscht unglaubliches Gewusel. Für 40 USD pro Person bekommen wir unsere Visa für 30 Tage in unseren Pass geklebt. Schnell finden wir einen kleinen Bus, der uns mit der Gruppe nach Kathmandu bringen soll. Die Fahrt dorthin genießen wir sehr, bis kurz vor Kathmandu schlängelt sich die Straße an einem Fluss entlang. Hier gibt es Palmen und Blumen, alles ist grün und warm, 25 Grad sind es bestimmt, endlich wieder T-Shirt-Wetter.

Nach diesen beiden recht sachlichen Berichten werden wir bald noch einen weiteren schreiben, in dem wir erzählen, wie sehr sich unser Trip von Lhasa nach Kathmandu über Land gelohnt hat, trotz der hohen Kosten. Jeden Tag durften wir viele Momente erleben, die wir niemals vergessen werden. Und wir sind uns sicher, dass wir irgendwann wieder nach Tibet kommen werden.

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Comments (3)

  1. De Waaaaahnsinn,

    vielen Dank, daß Ihr sooooo schöne Bilder für uns zu Hause gebliebenen Macht. An Euch sind wirklich Fotografen verloren gegangen. Manchmal mach‘ ich die Augen zu und bin dann bei Euch. Für die 8 Grad muß ich ja nur die Balkontür öffnen ;o) aber ich bin dann schon froh um eine „weiße“ Toilette.
    Laßt es Euch weiter gut gehen.
    Grüßle
    Sven

    1. Huhu Sven,

      ja, das stimmt – Dani gibts sich da immer ganz viel Mühe mit den Bildern. Macht er schon gut!

      Du glaubst gar nicht wie schnell man die Ansprüche runter schraubt was eine saubere Toilette angeht. Da wird manchmal ein Busch in der freien Natur eher bevorzugt.

      Marsi & Daniel

  2. Hey, grandios Eure Bilder und Berichte! Wahnsinn, der Everest. Schön dass ihr die Höhe gut vertragen habt. Wie gern würde ich da ja auch mal stehen. Aber da bei uns Anfang Juni wohl nochmal jemand einzieht wird das wohl nix 😉

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Auf dem Weg nach Nepal, Teil 2

von Daniel Schroth Lesedauer: 7 min
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